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Ansichten eines Schönbildsehers
Über die Fotobilder von Klaus von Gaffron
Ein altes Indianersprichwort besagt, dass es nicht genügt, zu wissen wogegen man ist,
man müsse auch wissen, wofür man sei.
Es ist als hätte der 1946 in Niederbayern geborene, in München
lebende und arbeitende Fotokünstler Klaus von Gaffron, diese Weisheit
in seinen Fotobildern umgesetzt. Seine Kunst ist in vielerlei Hinsicht aus
dem Widerstand gegen etablierte gesellschaftliche Strukturen und deren Ansichten
geboren. Sie bediente sowohl inhaltlich als auch formal Tabus und Oppositionen.
Zugleich ist sie bedingungsloser Ausdruck einer Recherche, in der der Künstler
stets seiner Sichtweise und seinen Wahrnehmungsvorlieben auf der Spur ist. Wer den
verschmitzten und hintergründigen Gesichtsausdruck des Künstlers kennt,
der weiss, dass ihm so manches "rote Tuch" eine Augenweide ist.
Wo in den allerersten Anfängen des Künstlers pornogespickte
Kruzifixe und vor dem Auge der Kamera inszenierte Lustmorde an Barbies schockierten,
Konsum und Scheinheiligkeit damit deftig kritisiert wurden und den Betrachter provozierten,
da zeigen sich in den gegenwärtigen Fotobildern des Künstlers ausgesprochen reizvoll
verdichtete, vieldeutig-assoziative und strukturell durchkomponierte, mehrteilige Bildfolgen,
die zunehmend eine autonome, der Wirklichkeit parallele Bildsprache fortentwickeln.
Klaus von Gaffron’s Fotobilder zeigen, was es alles zu sehen gibt, wenn nichts mehr zu erkennen ist.
Unschärfen werden zu einem Stilmittel, das die Motive aus der rasch konsumierbaren
"Eindeutigkeitsfalle" herausholt. Der Künstler beobachtet namenlose Formen, Farben,
Lichterscheinungen und Texturen. Er folgt Farbverläufen und ihren Abstufungen, folgt ihnen in
Zwischenräumliches, Nebulöses und über Verstandesgrenzen hinweg.
Wo durch Unschärfe die Fotografie einen eindeutig definierten Gegenstand verliert,
da werden das Fotobild, seine visuellen Phänomene und Anreize zum Gegenstand der Betrachtung.
Das Besondere ist allerdings, dass bei aller Nicht-Gegenständlichkeit, doch
und "so gerade noch" die Witterung zu Gegenständen aufgenommen wird – sei es
zum Ursprungsgegenstand, der dem Fotobild den Anlass gegeben hat, oder zu anderen Gegenständen,
die im Bild unwillkürlich zu entstehen scheinen. Der Künstler spielt mit der Nähe zu
vertrauten Bildinhalten, ohne sie jemals einzulösen.
Er fotografiert in seiner unmittelbaren Umgebung. Themen seiner
Fotografien sind Tier, Pflanze, Körper und Erotik. Der Künstler
beobachtet Spiegelungen, Licht und Glas, widmet sich Architektur, Bewegung, Farbe und Raum.
Innerhalb seiner Fotobilder variieren, wechseln oder multiplizieren sich Bildthemen.
Ausgewählte Motive werden gedreht, gezoomt, verschoben und verfremdet. Die Wahl extremer
Bildausschnitte, Perspektivwechsel gegenüber dem gleichen Motiv und andere Auswertungsmöglichkeiten
führen von Bild zu Bild, zur Montage vollkommen offener Bildgeschichten, die weder an den Formatgrenzen,
noch beim einzelnen Betrachter enden. Vielmehr potenzieren sie sich und nehmen durch den Betrachter die
Beziehung zu den umgebenden Räumlichkeiten auf.
Es öffnen sich Türen, zu letztlich unlösbaren Räumen,
die flüssig oder kristallin ein Eigenleben in niemals gänzlich ausgesprochenen
Andeutungen entwickeln.
Dem Betrachter bleiben Anklänge an bekannt
Erscheinendes. Er erlebt die Resonanz erinnerter Bilder, die zu erinnern er ohne von Gaffron’s Bilder
keine Veranlassung hätte.
Der Künstler zeigt Ansichten eines "Schönbildsehers", was zu deutsch
nichts anderes als "Kaleidoskop" bedeutet.
© Cornelia Kleÿboldt, M.A.
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