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Himmelsbilder
Text über die Malerei von Philipp Reisacher
Philipp Reisacher steht mit den Füßen auf der Erde, mit dem Herzen
hängt er sich in den Himmel.
Und er kennt zwei Himmel: den Himmel, der sich über jener Landschaft öffnet, in der er lebt -
eine Landschaft, in der der Horizont tief hinunter reicht, bis an den hinteren
Rand gelb blühender Rapsfelder. Eine Landschaft, vom
Himmel schier endlos überwölbt.
Und er kennt einen Himmelsraum, der über den sichtbaren Himmel hinaus, seine Vorstellung
beschäftigt. Einen endlosen, von ihm "kosmisch" getauften Raum, der noch vor allen Dingen
und noch vor allem Fassbaren, Elementares in Farbe treibt.
Einen Raum, in dem sich das Gären, Explodieren, das Rinnen, Verlaufen und Dampfen der
Farbe wie auch der Lösungsmittelgase vollzieht, in denen sich die Bilder in Schüttungen,
in vielen Schichten, in Transparenzen und in Trocknungsprozessen, geradezu wie von
selbst ereignen. Ohne eine persönliche Handschrift des Malers erkennen zu lassen,
nehmen sie den Maler heraus, lösen ihn von sich selbst und bereiten seinem
sehnsüchtigen Auge das Glück von etwas, das er sehen will.
Mit dem Herzen im Himmel und mit den Füssen auf der Erde: Das sieht man auch
seinen Bildräumen an, die das Land auf dem er steht, wie einen schmalen Streifen
erdiger Farben einsetzen, wie einen Anker, über dem sich ein nicht fassbarer Raum
auftut, mit Farbereignissen füllt, mit Szenarien, die gegenstandslos, sich
allein in der Farbe wie in blühenden Wolkenmassen zutragen.
"Ich liebe es in den Himmel zu sehen" und es ist immer wieder der Himmel,
der sich wie eine Konstante durch sein malerisches Werk zieht. Philipp
Reisacher ist Landschaftsmaler. Seit 1975 malt er Landschaften. Und wenn er
wichtige Arbeiten dieser Jahre wie Postkarten nebeneinander legt, dann
versetzen diese in Erstaunen: Landschaft ist nicht gleich Landschaft.
In seiner Entwicklung als Maler hat Reisacher sich verschiedene malerische
Sprachen angeeignet. Vielleicht beginnend mit dem Vokabular einer Dorfszene,
die an die detailliert erzählende Auffassung und Stimmung von Gemälden
deutscher Romantiker erinnert, bis hin zur Ausdrucksweise impressionistischer
und expressionistischer Werke und bis hin zur Sprache von Gemälden, die an van
Gogh, Munch, an Gaugin und an Anselm Kiefer erinnern.
Darüber hinaus gab es in seiner Malerei immer wieder jenen Zug, der
sich von jedweder Anbindung an ein Thema befreit und die Farbe - wie
im Informel eines Emil Schumacher - zu sich selbst kommen lässt. Hier
geht es um Farbe, die nicht in ein Bildthema hineingezwungen, nicht um
die Ecke geknickt und nicht in ein bestimmtes Feld hineingezwängt werden
soll. Farbe, die so frei sein soll, wie der Maler selbst, weil der am
liebsten "fliegen" will und weil er sich dabei endlose Räume erschafft,
in denen sich der Himmel und auch die Farben wie ein Fest für’s Auge ereignen.
Reisacher’s Himmel muss nicht blau sein, er kann auch gelb sein oder grün.
Er kann das Land verschlucken und aus tiefblauer Dunkelheit, die Schleier
hellviolett tanzender Irrlichter auftauchen lassen.
Philipp Reisacher ist einer jener Maler, die ein weit geöffnetes Auge
haben und vom "großen Staunen" angetrieben werden. Ein Auge, das offener
ist, als ihm manchmal lieb ist und eines, durch das die Welt in ihn einfällt,
um sich dann irgendwo auf der rückwärtigen Innenseite einzunisten. Als Maler
bringt er diese aufgenommenen und gespeicherten Bilder wieder hervor.
Die Deckenfresken des Barock kennen die sich immer weiter öffnenden
Himmelsräume. Da erschließt sich der vierte Himmel, immer flankiert von
Wolkenrändern, Himmelsbewohnern, Zaungästen und Tugendwächtern, aus der
Öffnung des ersten, zweiten und dritten Himmels...
Reisacher kennt die Deckenfresken des Barock. Er hat als Kirchenmaler selbst
an der Restaurierung solcher Räume mitgewirkt. Und Reisacher kennt die grün-blauen
Himmelsimaginationen eines Grünewald, der seinen Christus - mit einem gleißenden
Leuchten - in einen schier unvorstellbaren Raum hinein, eben in einen Raum jenseits
der Vorstellung, wieder auferstehen lässt.
Diese Räume jenseits des "Vorstellbaren" sind wie eine heimliche Geliebte des
Malers, die er aus dem Repertoire gespeicherter Bilder und mit leuchtenden Farben
auf seine Leinwände zaubert. Und manchmal schaut er sich Aufnahmen des
Weltraumteleskops an, so wie einer, der noch vor Weihnachten das letzte
Türchen seines Adventskalenders öffnet. Es ist eine Sehnsucht in Reisacher,
auf die er in seinen Bildern eine Antwort sucht. Es gibt einen Ort in Reisacher,
den er aus sich heraus und auf die Bilder bringen möchte.
Dafür ist er schon viele Wege gegangen und hat sich vieles angesehen, auf der
Suche nach diesem Ort, der sich manchmal wie eine blaue Lichtblase über
einem seiner Bilder auftut.
Reisacher hat Landschaften gemalt, denen er mit unendlicher Hingabe in ihre
Gegenständlichkeit gefolgt ist, in denen sich Nachklänge der Bildwerke der
italienischen Frührenaissance und der süddeutschen Donauschule begegnen
und er hat Landschaften gemalt, die einem eher expressiven Pinselduktus Raum geben.
Durch all diese angenommenen Sprachen hindurch, ist ihm immer wieder der
Himmel begegnet und seine Liebe zum Himmel ist ihm wie ein Anhaltspunkt und
wie eine Konstante geblieben. "Wenn ich den Himmel ansehe, dann geschieht
etwas mit mir. Der Himmel macht etwas mit mir."
Philipp Reisacher hat über die Jahre ein malerisches Handwerkszeug gesammelt,
"Kürzel," wie er sagt, "die man als Maler einsetzen muss, um einen bestimmten
Landschaftsraum plausibel zu machen – sei er vor Ort entstanden oder aus dem
Gedächtnis frei zusammengesetzt" und es ist, als hätte er sich dieses Handwerkszeug
erarbeitet, um sich einem Raum anzunähern, der sich jenseits seiner Vorstellung
befindet. Einen Raum, in dem er die Farbe bis hin zu einem Licht steigert, in
dem sie aufhört Farbe und Materie zu sein und zu einem Leuchten, das in
imaginäre Landschaften eingepflanzt ist und dort von neuem beginnt, eine
Welt der Dinge aus Strukturen zu erzeugen.
Als ich von meinem Atelierbesuch bei Philipp Reisacher zurückkehrte,
lagen am Ausgang des Ostbahnhofs die Boulevardzeitungen für den nächsten
Tag bereit: "Es gibt eine zweite Erde." Ich musste lachen und dachte mir,
das weiss Reisacher vielleicht schon lange.
© Cornelia Kleÿboldt, M.A.
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