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Die knisternde Rosi u.a. Über die Flechtskulpturen von Susanne Thiemann Susanne Thiemann verwendet in ihren Flechtstelen dünne, hohle Plastikschnüre in rosa, hellblau und schwarz. Material, das über die Farben und frühere Anwendungen als Beflechtung von Eiscaféstühlen in den 70er Jahren ambivalente Assoziationen weckt. Hellblau für die kleinen Jungs und rosa für die Mädchen - mit den besten Wünschen ihrer Eltern. Einfach schön - tatsächlich - und in der Begegnung mit dem Phänomen "Gegenwart" dann doch nicht ohne ironischen Unterton. Die Künstlerin arbeitet mit Material, das im ursprünglichen Kontext nicht mehr verwendet wird. Schälreste von Autoreifen, von der Technik überholter Telefondraht, einstmals "schickes" Kunststoffmaterial, das aus der Mode gekommen ist. Sie nutzt die spezifische Qualität des Materials, erweckt es durch den in ihr erklingenden Wiederhall zu einem Leben, das ihm entspricht. Alter, stinkender Gummi ist schwer und liegt schwer und ist schwerfällig und darunter wächst kaum mehr eine Blume. Er ist erdrückend. Ist einschnürend und in gewisser Weise atemberaubend. Die Künstlerin liebt diesen starken Geruch vergangener, scharfer Kurven und sie verhilft dem abgeschabten, Spuren tragenden, zerfetzten Gummi zu einer eigenen Sprache. Unübertrefflich eigen. Ihr Begreifen des Materials ist die Kraft, aus der das Selbstverständliche ihrer Skulpturen entsteht. Integrierte Lebenserfahrungen machen die Skulpturen von Susanne Thiemann sexy, verspielt, seriös, traurig, verblötscht, heimatlos und familienliebend. Sie spielen als Personen und als Gegenstände. Als knisternde Rosi, Fatschenkindel, Spielzeugkeule, Nuckelflasche oder als der große Übervater. Sie spielen wie besiegte Tiere. Träge am Boden liegend oder wie die Ruhe vor dem Sturm verweisen sie auf etwas, das noch kommen wird. Sie können alles und müssen gar nichts. Sie spielen mit all dem, was sie uneindeutig, eindeutig zu bieten haben. Flechtstelen sind Bewahrer, Konservierer. Das Entstehende wird im durchlässigen Flechtkörper be- und umschrieben. Sie behalten und schließen ein: Es begegnen sich Gefäß und Füllung. Transportweg und das zu Transportierende. Das Gedachte, das Nicht-Gedachte und vor allem das Wollen. Das Leben wollen. Hoch wollen. Sich behaupten wollen. Sie können dem Betrachter vollkommen begegnen. Sie sind sensibel, aber nicht verletzlich. Sie sind Spiegel und Zuhörer. Sie brauchen den Betrachter nicht. Sie hängen im Baum und wehen mit dem Wind. Sie liegen am Boden und lungern vor sich hin. Sie stehen im Garten und glänzen in der Sonne.. Susanne Thiemanns Werke kennen vieles. Wie sonst könnten sie mit einer winzigen Delle das Herz berühren? Mit einer Ausbuchtung am richtigen Fleck zum Lachen bringen? Hinterrücks zum Nachdenken anregen. Es gibt keine Berührungsängste und keine erschöpfende Eindeutigkeit. Es gibt nur offene Gestalten, die genug zu bieten haben, um die Szenerie im Kopf des Betrachters in Gang zu setzen. Jeder bekommt sein Flüstermärchen aus unsichtbar verwobenen Stimmen. Sein eigenes Flüstermärchen. Nicht das Flüstermärchen der Künstlerin. Die ist da nicht mehr drin. Die Skulpturen sind selbständig. © Cornelia Kleÿboldt, M.A. |
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